Kälbchen OskarSeptember 2014:  Im Alter von 8 Wochen kann eine Lebensgeschichte eigentlich noch nicht viel enthalten - Kuscheln und Toben mit Mama gibt es in dieser in der Tat nicht. Kälbchen Oskars Leben wurde anders gestaltet.

Wir erhielten einen Notruf, bei einem Landwirt sei ein Kälbchen, sehr schwach, wohl krank, es könne nicht mehr aufstehen und würde keine Nahrung mehr bekommen. Als wir eintrafen, schauten uns aus einem am Boden liegenden Körper, so dünn, dass jeder Knochen zu sehen war - ja fast mit der Hand umfasst werden konnte - große, dunkle und klare Augen an. Es gab auch etwas Dickes an dem ausgemergelten Körper, nämlich die Gelenke seiner Beine, die alle von einer schweren Entzündung betroffen waren und sicher höllische Schmerzen bereiteten.

Die Lebensbedrohlichkeit seines Zustands war offenkundig, und so wurde das Kälbchen irgendwie ins Auto verfrachtet, um zunächst zu unserer Tierärztin zu fahren.

Wir erfuhren noch, dass das Kälbchen wohl sofort nach der Geburt seiner Mutter entrissen worden war, so dass es noch nicht einmal von seiner Mutter trocken geleckt werden konnte (das Entfernen ist eine übliche Vorgehensweise in der Fleisch- und Milchindustrie!). Bald darauf habe es zu schwächeln begonnen. Irgendwann sei ein Tierarzt konsultiert worden, dessen Rat gewesen sei: "Lass liegen, der ist bald hin!" Daraufhin sei die Fütterung mit Milchaustauscher eingestellt und dem Kälbchen verdünnte Milch in einem Eimer hingestellt worden. Das Kälbchen starb jedoch nicht. Schließlich habe es nur noch Tee erhalten.

Als es am 22. September 2014 zu uns kam, war es dem Tode weit näher als dem Leben - ein Opfer der Industrie, die den Verbrauchern Billigfleisch und Billigmilch anbietet - aber auch ein Kämpfer!

Dieser tapfere Kerl erhält jetzt Hilfe in seinem Kampf, medizinische Betreuung, adäquate Nahrung (alle 2 Stunden, auch nachts!), Fürsorge und einen Namen - Oskar.

Oskars gesamter Körper ist von Entzündungen betroffen. So kann er nicht selbständig aufstehen oder auch nur seine Liegeposition wechseln. Für funktionierende Verdauungsabläufe muss Oskar aber in Bewegung kommen, er wird also von uns aufgestellt und bei jedem Schritt festgehalten. Eine Strecke von ca. 3 Metern erschöpft ihn völlig. Das nötige Hinlegen auf die mit Stroh ausgelegte Matratze ist dann wiederum mit Anstrengung und Schmerz verbunden, denn auch dafür müssen die geschwollenen Gelenke bewegt werden.

Ähnliches gilt für's Trinken. Oskar kann nicht mehr saugen, jedes Schlucken ist schmerzhaft. Das Verdauungssystem muss erst an die nahrhafte Milch gewöhnt werden. Dies wiederum ist mit Leibschmerzen verbunden. Es muss aber gelingen, Oskar so viele Nährstoffe zuzuführen, dass erstens sein Verhungern verhindert wird und zweitens genügend Energiereserven zur Bekämpfung seiner Krankheiten und für sein Wachstum aufgebaut werden.

Leider hat das erste Medikament keine Wirkung gezeitigt. Mehrfach scheint das "Pendel in Richtung Tod ausschlagen zu wollen". Oskar fällt das Atmen schwer, für jeden Atemzug öffnet sich sein kleines Maul - selbst im Liegen. Aber Oskar kämpft weiter. Nach Gabe eines zweiten und dritten Medikaments git es endlich erste Verbesserungen seines Zustands. Es stellt sich heraus, dass die Entzündung den Herzbeutel erreicht hat. Immer wieder erleidet er Fieberschübe, die sich aber medikamentös behandeln lassen. Oskar scheint zu merken, dass er nicht mehr alleine kämpfen muss.

In diesen 10 Wochen Leben gibt es 2 gute Nachrichten:

  • Des Oskar hat sich jemand erbarmt und uns angerufen.
  • Oskar kann selbständig seinen Kopf heben, um das Geschehen um ihn herum zu beobachten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Noch ist Oskar nicht über den Berg...
 

Mitte Oktober 2014: Oskar hat inzwischen etwas an Gewicht zugelegt. Er kann sich allein auf den Beinen halten. Manchmal steht er sogar schon selbständig auf und geht einige Schritte. Die noch immer entzündeten Gelenke bereiten ihm dabei jedoch noch erhebliche Schmerzen. Wir sind darüber erleichtert, dass sein Verdauungssystem die Milchfütterung immer besser verträgt. Wir können inzwischen die Anzahl der Fütterungen auf 7 pro Tag einstellen. Bald steht die Anschaffung eines neuen Milchpulver-Sackes an. Ein solcher Sack reicht für ungefähr 4 Wochen und kostet ca. 70 EUR. Wenn Sie uns bei der Pflege Oskars helfen möchten, würden wir uns über eine Spende sehr freuen.

Es stellte sich heraus, dass Oskars Martyrium vermutlich mit einer simplen Nabelentzündung begonnen hat, die leicht hätte behoben werden können, wenn sich nur jemand gekümmert hätte. Weiterhin bekommt er ein Antibiotikum. Es ist aber noch nicht sicher, ob sein Herz die Belastung übersteht.

Wir haben leider erfolglos versucht, Oskars Mutter freizukaufen. Daher hoffen wir jetzt, dass unsere Ziegenfamilie Mickey, Minnie und Mutti sowie das Hunderudel ihm etwas familiäre Geborgenheit vermitteln und ihm dabei in dem anstrengenden Genesungsprozess helfen können.

.

 

 

 

 

 

Damit Oskar seine Heuration in Ruhe aufessen kann, sind die Ziegen während der Fütterung in ihrer eigenen "Abteilung". Nach dem Essen kommen alle Vier wieder zusammen.

Noch ist Oskar nicht über den Berg...

07. November 2014: Oskar steht jetzt doch schon ganz gut da! Sein Magen verträgt inzwischen so große Mengen, dass wir seine Mahlzeiten auf 5 Mal täglich einstellen konnten. Wir nutzen die Fütterungen dazu, ihn zu kleinen "Ausflügen" auf dem Hofgelände zu animieren. Nach anfänglicher Scheu beginnt Oskar mittlerweile den Hof recht selbstbewusst zu erobern.
Bei der letzten tierärztlichen Untersuchung konnte auch eine erhebliche Verbesserung seiner Herzgeräusche festgestellt werden. Oskar geht es also schon viel besser.

 

November 2014: Hier fühlt sich Oskar mit anderen Tieren offensichtlich recht wohl. Er macht große Fortschritte. Zusammen mit der Ziegenkindergruppe erkundet er auf kleinen Ausflügen den Hof. Dabei werden sein Selbstvertrauen und seine Muskulatur gleichermaßen gestärkt. Beides hilft ihm weiter auf dem Weg zur Gesundung.

 

 

 

 

Weiter zur Seite "Ereignisse"

Nach oben